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Antibabypillen
der dritten Generation
Wie
riskant sind sie wirklich ?
Das
Berliner Bundesinstitut für Arzneimittel
und Medizinprodukte (BfArM) ignorierte im Herbst 1995
die mit Augenmaß getroffene Entscheidung der europäischen
Arzneimittelbehörde CPMP (Committee for Proprietary Medical Products)
und ordnete aufgrund der umstrittenen Ergebnisse dreier großer
wissenschaftlicher Sudien - und zur ungläubigen Überraschung selbst vieler Experten
- für die besonders östrogenarmen sog. „Antibabypillen
der dritten Generation“ drastische Verordnungsbeschränkungen
an. Anläßlich des Ärztesymposiums „Nutzen-Risiko-Abwägung
bei der Verordnung moderner hormoneller Kontrazeptiva“ erinnerte
Professor Dr. Klaus Heilmann,
München, daran, daß diese Präparate beinahe ausschließlich in
Deutschland bis auf weiteres nicht bei Frauen unter 30 Jahren für
die Erstverordnung eingesetzt werden dürfen.
Kritiker dieser Entscheidung bezweifeln aber, daß diese
die Frauen stark verunsichernde Maßnahme wissenschaftlich
gerechtfertigt ist und verweisen darauf, daß die im Zusammenhang
mit der Pilleneinnahme zu beobachten Risiken auch bei den modernen
Mikropillen durch die aus der Einnahme erwachsenden Vorteile mehr
als aufgewogen werden. So hat sich beispielsweise gezeigt, daß
die Antibabypille den Menstruationszyklus stabilisiert,
schmerzhaften Regelbeschwerden
entgegenwirkt, die Zahl der Eierstockzysten herabsetzt, lebensbedrohliche
Eileiter- und Bauchhöhlenschwangerschaften sowie drei Viertel der
gutartigen Brusterkrankungen verhindert. Einer der Autoren der
drei Studien, die im Herbst für Aufregung gesorgt hatten, der
renommierte Pharmakologe Professor Walter O. Spitzer, verwies darüber hinaus auf den
immer wahrscheinlicher werdenden Umstand, daß gerade die jetzt
kritisierten Pillen der „dritten Generation“ in der Lage sind,
viele Frauen vor Herzinfarkten und Schlaganfällen zu schützen.
In
Hamburg stellte Dr. Björn Oddens,
International Health Foundation, Brüssel,
vor den versammelten Frauenärzten klar, daß die Pillen
der dritten Generation wahrscheinlich nicht gefährlicher sind,
als die an Östrogenen reicheren Pillen der zweiten Generation.
Noch vor zehn Jahren - so Oddens - wurden im Zusammenhang mit den
Pillen der zweiten Generation mehr Thrombosen bekannt, als heute
mit den Pillen der dritten Generation. Diese Präparate wurden in
der Zwischenzeit aber pharmakologisch nicht verändert. Dieser
paradox anmutende Umstand
ist leicht zu erklären: da die Thrombosegefahr aufgrund erblicher
Faktoren im ersten Jahr der Pilleneinnahme am größten ist, kommt
es nach jahrelanger Einnahme bei den Pillen der zweiten Generation
viel seltener zu Thrombosen. In den letzten Jahren wurden für die
Erstverordnung aber überwiegend die moderneren Pillen der dritten
Generation eingesetzt. Die meisten Thrombosen werden erfahrungsgemäß
immer mit den Pillen beobachtet, die zum Untersuchungszeitpunkt überwiegend
für die Erstverordnung eingesetzt werden. Wenn also jetzt
aufgrund der Behördenanordnung wieder auf die veralteten
Pillenzubereitungen zurückgegriffen werden muß, dann spricht
vieles dafür, daß die Thrombosenhäufigkeit wieder ansteigt -
und nicht wie von den Behörden erhofft, absinkt.
Professor
Heilmann
verwies in diesem Zusammenhang darauf, daß durch derartige behördliche
Restriktionen keine Verminderung des Thromboserisikos zu erwarten
ist, sondern lediglich eine Risikoverschiebung. Um dies zu begründen
erläuterte der Risikoforscher, daß man dem sog.
„Pillenrisiko“ fairerweise immer jene Risiken gegenüberstellen
muß, die durch die Pilleneinnahme vermindert werden können. In
diesem Zusammenhang muß man daher unbedingt darauf hinweisen, daß
das Thromboserisiko bei einer Schwangerschaft ohne Pilleneinnahme
pro Jahr bei 1:1.600
liegt. Wird dagegen eine Pille der dritten Generation eingenommen,
so sinkt das Thromboserisiko auf 1:4.000. Bei einer Pille der
zweiten Generation liegt das Risiko heute sogar nur noch bei einem
Viertel. Wichtig zu beachten ist, daß es sich bei diesen Zahlen
in der absoluten Mehrzahl der Fälle um ungefährliche Thrombosen
handelt, die nicht zum Tode führen.
Ein
anderer Vergleich: Bei nichtrauchenden Frauen im Alter zwischen 25
und 35 Jahren liegt das Risiko an einer Herzkreislaufkrankheit zu
sterben bei 1:23.000 . Raucht eine Frau dieser Altersgruppe, so
vervierfacht sich dieses Risiko auf 1:7.000. Es ist daher grotesk,
wenn sich Frauen Sorgen über das Minimalrisiko einer
pillenbedingten, meist nichttödlich verlaufenden Thrombose machen
- die sie nebenbei gesagt, aufgrund der häufig anzutreffenden
genetischen Prädisposition wahrscheinlich auch bei der ersten
Schwangerschaft bekommen hätten - aber gleichzeitig das
Maximalrisiko des Rauchens nicht beseitigen.
Aus
einer repräsentativen Umfrage des EMNID-Instituts geht hervor, daß
etwa 2.2 Millionen Frauen eine Pille der dritten Generation
einnehmen. Von diesen wiederum haben aufgrund der Warnungen
7% die Pilleneinnahme ganz eingestellt - das sind in
Deutschland 160.000 Frauen. Diese ehemaligen Anwenderinnen setzen
sich auf diese Weise -
ohne erkennbare medizinische Notwendigkeit - den Gefahren aus, die aus ungewollten Schwangerschaften,
Fehlgeburten oder Abtreibungen resultieren. Natürlich gibt es
andere Verhütungsmethoden, doch die Anwenderinnen tauschen
automatisch das verminderte Thromboserisiko gegen die aus der
geringeren Anwendungssicherheit resultierenden Gefahren ein.
draus ergibt sich, daß eine vernünftige Entscheidung manchmal
schwierig zu treffen ist.
Doch
tatsächlich ist die Situation noch komplizierter. Bisher gingen
Öffentlichkeit und Experten gleichermaßen davon aus, daß die
drei im Herbst vorgelegten Studien zumindest ein Gutes haben: in
Zukunft, so dachte man zumindest, wird sich das mit der
Pilleneinnahme verbundene Minimal-Restrisiko dadurch vermindern
lassen, daß die Ärzte durch intensive Befragungen sorgfältig
jene Patientinnen herausfiltern, die aufgrund ihrer Erbanlagen ein
besonders hohes Thromboserisiko haben. Doch jetzt deutet sich an,
daß es sich in der Praxis bei diesen Hoffnungen um Illusionen
handelt. Schlimmer noch. Es könnte durchaus sein, daß die in
Zukunft in bester Absicht durchgeführten Erhebungen der
individuellen Familienvorgeschichte in Verbindung mit bestimmten
Laboruntersuchungen des Blutgerinnungssystems, eher die
individuelle Gefahr der Frauen erhöhen. Wie das ? Würden alle jene Frauen auf die Pilleneinnahme verzichten,
in deren Familie es zu Thrombosen gekommen ist und die bei
Laboruntersuchungen außerdem auffällige Blutgerinnungsstörungen
aufweisen, so würden wahrscheinlich mehr Frauen an den Folgen
ungewollter Schwangerschaften, Abtreibungen und Fehlgeburten
sterben, als aufgrund der Verhinderung der extrem seltenen tödlichen
Thrombosen gerettet werden können. Dieser Umstand ist darauf zurückzuführen,
daß eine Thrombose nicht zuverlässig vorausgesagt werden kann.
Wenn es bei 100.000 Pillenkonsumentinnen zu 140 Thrombosen kommt,
dann können hiervon aufgrund der Familienvorgeschichte rückwirkend
nur rund 30% vorausgesagt werden. Würde man in einem
Massenscreening 1 Million gesunde Frauen im Labor auf die
vorwarnenden Störungen des Blutgerinnungsystems hin untersuchen,
so ergäben sich hieraus 60.000 falsch positive Werte - Frauen
also, die zwar auffällig sind, aber trotzdem nie eine Thrombose
bekommen werden. Und selbst die Kombination aus
Familienvorgschichte und Labortests bringt nichts: von 140
Thrombosen lassen sich so maximal 49 voraussagen. Im individuellen
Einzelfall kann also nie gesagt werden, ob eine Frau zu den 49 zukünftigen
Thrombosekranken gehört oder zur Gruppe jener 91 Frauen, die
trotz des Vorhandenseins der Risikofaktoren keine Thrombose
bekommen werden. Zwar hat sich der untersuchende arzt aus
juritischer Sicht abgesichert - ein Nutzen ist aber nicht
entstanden.
Um
die ganze Unsinnigkeit der Pillenpanik, bzw. die Dimension des
verschwindend geringen Restrisikos plastisch zu verdeutlichen wies
Dr.
Oddens darauf hin, daß die holländischen Behörden ganz
darauf verzichtet hat, den angeblich gefährdeten Frauen den
Umstieg von Pillen der dritten Generation auf Präparate der
zweiten Generation zu empfehlen. Aufgrund der geringen Bevölkerungszahl
gibt es in Holland nämlich nicht genügend Pillenanwenderinnen,
um durch einen solchen Umstieg auch nur ein einziges Menschenleben
retten zu können.
Dr.
Winkler
erinnerte die versammelten Frauenärzte am Ende der Veranstaltung
daran, daß das Gesundheitsrisiko der Pille in absoluten Zahlen
betrachtet noch nie so niedrig war wie heute. Die allgemeine Häufigkeit
der Thrombosen ist seit Jahren stark rückläufig. Dieser Trend
wurde von den im Herbst vorgelegten drei Studien bestätigt.
Insbesondere zeigte dies auch die von Professor
Spitzer durchgeführten Studie. Während das
Thromboserisiko im unmittelbaren Vergleich der Pillen der dritten
mit jenen der zweiten Generation noch im Jahre 1993 bei 2.7 lag -
also nahezu dreimal so hoch war - sank es bis 1995 auf 1,2 ab. Der
Unterschied betrug also nur noch 20%. Noch nie waren auch die
Gesundheitsvorteile so hoch einzustufen, die von der Pille
ausgehen. Dr.
Winkler appellierte daher im Interesse der Anwenderinnen
an die versammelten Frauenärzte: „Lassen wir uns diese außerordentlich
günstige Kosten-Risiko-Relation nicht zerreden.“