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Der
„Pillenskandal“ der keiner war
In
den letzten Tagen warnten die Weltgesundheitsbehörde WHO,
das Arzneimittelkomitee der britischen Ärzte sowie das
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, vor Antibabypillen,
die die Wirkstoffe Gestoden
, bzw. Desogestrel enthalten. Angeblich haben drei noch nicht
veröffentlichte Studien gezeigt, daß diese Medikamente im Vergleich
zu anderen Pillen das Thromboserisiko verdoppeln. Doch sachverständige
Kritiker - darunter
selbst die Autoren der Studien - melden erhebliche Zweifel an
der voreiligen Deutung der Daten an. Die europäische Arzneimittelkommission
CPMP hat daher mittlerweile auch erklärt, daß sie derzeit keinen
akuten Handlungsbedarf erkennen kann.
„Ich
werde meiner Tochter empfehlen ihre Antibabypille der dritten
Generation weiterzunehmen“, sagte in London Professor
Jean-Michelle Alexandre, der als Leiter der französischen
Arzneimittelzulassungsbehörde derzeit auch der europäischen
Arzneimittelkommission CPMP (Committee for Proprietary Medical
Products) vorsteht.
Und der Hauptautor der europäischen Transnational
Studie, Professor Walter O. Spitzer von der renommierten McGill
Universität Montreal räumte in einem Interview (Focus 44/1995)
ein, daß er sehr verärgert darüber ist, wie die britischen
Aufsichtsbehörden mit den wissenschaftlichen Daten der Studie
umgegangen sind. Diese und ähnliche Stimmen legen immer mehr den
Verdacht nahe, daß es für die viele Millionen Frauen
verunsichernden Warnungen vor den Antibabypillen der „dritten
Generation“ keine nachvollziehbare wissenschaftliche Basis gibt.
Derzeit
liegt daher ein Arzneimittelskandal in der Luft, der in erster
Linie der Weltgesundheitsorganisation WHO
und der übereifrigen englischen Arzneimittelbehörde Medicines Control Agency ( MCA)
anzulasten ist. Aber auch das Bundesinstitut
für Arzneimittel und Medizinprodukte hat mit seinen
wahrscheinlich voreiligen Warnungen vor den Mikropillen sein
Scherflein zur Verbreitung von Panik beigetragen. Pillenhersteller Organon warf der Berliner Behörde daher auch vor, die Frauen
„unverantwortlich verunsichert zu haben“ vor. Was war
dieser nach dem Votum der CPMP zu einem vorläufigen Abschluß
gekommenen Kontroverse vorausgegangen ?
Drei
Studien - darunter eine in 17 Ländern und auf 4 Kontinenten
durchgeführte WHO-Studie - haben angeblich
Hinweise darauf erbracht, daß moderne Antibabypillen das Risiko
der Frauen nahezu verdoppeln an einer Venenthrombose zu erkranken.
Obgleich alle drei Fallkontrollstudien über mögliche
Gesundheitsrisiken moderner, niedrig dosierter Antibabypillen noch
nicht in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht
wurden - und sich
daher der öffentlichen und kritischen Diskussion der Experten
nahezu völlig entziehen -
sah sich die britische Aufsichtsbehörde MCA vor wenigen Tagen überraschend veranlaßt, den jenseits des
Ärmelkanals arbeitenden Doktoren strikte Vorschriften zu machen:
In einer quasi bindenden „Empfehlung“ riet die Behörde den Ärzten, gestoden-, bzw.
desogestrelhaltige orale Kontrazeptiva nur noch jenen Frauen zu
verordnen, die entweder andere Pillen nicht vertragen, oder „die
bereit sind ein erhöhtes Thromboserisiko zu tragen“. Und das in
Berlin residierende Bundesinstitut
für Arzneimittel und Medizinprodukte hat daraufhin im
sog. Stufenplanverfahren
der Stufe II ein Anhörungsverfahren der
Arzneimittelhersteller angeordnet und erwog -
trotz der extrem wackeligen wissenschaftlichen Basis der
Studien - die
Zulassung der in Verdacht geratenen Präparate kurzfristig für
mehrere Monate ruhen zu lassen. Diese hektischen Aktivitäten der
Berliner Gesundheitsbürokraten überraschte die Hersteller der
seit Jahren gut eingeführten und mittlerweile millionenfach bewährten
Verhütungsmittel - darunter so renommierte Firmen wie Organon
und Schering - quasi auf dem
linken Fuß. Bisher galten die in Frage kommenden „Pillen der
dritten Generation“ nämlich aufgrund ihres extrem niedrigen Östrogengehalts,
sowie der neu entwickelten Gestagene
- insbesondere in Hinsicht auf die mögliche Verhütung von
Herzinfarkten und Schlaganfällen
- als eher risikoarm.
An
diesem wichtigen Punkt setzte daher auch die logisch erscheinende
Expertenkritik an den nur bruchstückhaft bekannt
gewordenen Studien an. Möglicherweise
- so räumte jetzt der prominente Mitautor der sog.
„Transnational-Studie“ , Professor
Lothar Heinemann, Berlin, ein - wurden die ins Zwielicht
geratenen gestoden- ,
bzw. desogestrelhaltigen Antibabypillen gerade wegen ihres günstigen
Risikoprofils vermehrt jenen Frauen verordnet, die aufgrund
vorhandener Thrombose-Risikofaktoren (Rauchen, Übergewicht, frühere
Thrombosen oder familiäre Häufung von Thrombosen) Präparate mit
ungünstigerem Risikoprofil vermeiden wollten. Dies könnte - so Heinemann
- Folge der Werbung sein, die diese oralen Kontrazeptiva der
„dritten Generation“ aufgrund der vorhandenen
wissenschaftlichen Daten immer als besonders sicher dargestellt
hat. Den verordnenden Ärzten blieb daher schon aus Haftungsgründen
kaum eine andere Wahl, als ihren besonders gefährdeten
Patientinnen gestoden- bzw. desogestrelhaltige Kontrazeptiva zu
verordnen, sobald die Frauen - quasi gegen ärztlichen Rat - nicht
breit waren, auf eine andere Verhütungsmethode auszuweichen.
Träfe
dieser naheliegende Verdacht tatsächlich zu, so würde dies die
Ergebnisse der drei noch in der Schublade steckenden Studien zum
wertlosen Datenmüll
mutieren lassen. Sinn
macht ein Vergleich unterschiedlicher Medikamente nämlich nach
einfachen Regel der Logik nämlich nur dann, wenn in den Studien
alle Frauen vor Einnahme der Medikamente ein etwa gleich großes
Thromboserisiko aufgewiesen hätten. Verordnet man dagegen den
besonders gefährdeten Frauen eine bestimmte, als besonders sicher
geltende Pille - in
diesem Fall gestoden, bzw. desogestrelhaltige
Produkte - dann verwundert es nicht,
wenn in der Gruppe der Hochrisikopatientinnen
trotz der Einnahme der an sich risikoarmen Antibabypillen der
dritten Generation vermehrt Thrombosen beobachtet werden. Es darf
vielmehr vermutet werden, daß diese Patientinnen ohne Einnahme
der betreffenden Antibabypillen noch deutlich häufiger an nur
selten tödlich verlaufenden Beinvenenthrombosen erkrankt wären.
Durch
die überhastete Veröffentlichung unklarer und mißverständlicher
Daten, bzw. die falsche Interpretation der kausalen Zusammenhänge
durch die Gesundheitsbehörden - Professor Heinemann nannte das Vorgehen „unseriös“ und
„verfrüht“ - würde
aber die derzeit um sich greifende Verunsicherung zahlloser Frauen
zum echten Arzneimittelskandal. Das
übereilte Vorgehen könnte von Seiten der betroffenen Unternehmen
möglicherweise Schadensersatzklagen in Millionenhöhe nach sich
ziehen. Letztendlich müßten die Behördenvertreter dann nämlich
ihren Kritikern Recht geben, die die erhöhte Thromboserate
nicht den verwendeten Medikamenten anlasten, sondern dem extremen
Risikoprofil der jeweiligen Patientinnen. Doch die sachliche
Kritik erschöpft sich nicht in diesem einen Punkt.
Dr.
J. Bitzer,
Universitätsfrauenklinik, Basel, erinnerte in einer Stellungnahme
daran, daß es sich bei den registrierten Venenthrombosen um
extrem selten auftretende Komplikationen handelt. Gleichzeitig
zeigte sich außerdem, daß die ins Zwielicht geratenen
Antibabypillen offenbar gleichzeitig im Vergleich zu den Präparaten
der Vorgeneration die Anzahl der registrierten Herzinfarkte und
Schlaganfälle deutlich vermindert hatten. Selbst
bei Einnahme von gestoden-, bzw. desogestrelhaltign Präparaten
wurden pro 100.000 „Frauenjahre“ schließlich nur 30 Venenthrombosen
beobachtet - davon maximal 1-2% mit tödlichem Verlauf. Während
einer Schwangerschaft werden dagegen 60 derartige Thrombosen
registriert. Das British Medical Journal
verwies in einem Leitartikel ausdrücklich auf die erstaunlich große
Sicherheit der angeschuldigten Pillen. Der Autor,
Professor John Guillebaud, vom Margaret Pyke Family
Planning Centre, London, ging sogar noch einen Schritt weiter und
verkündete seinen Lesern, daß er
- wenn er eine Frau wäre - die Pillen der dritten
Generation unbedingt weiternehmen würde. Der simple Grund: den
zwei bis drei denkbaren zusätzlichen Thrombosetodesfällen pro 1
Million Pillenkonsumentinnen stehen deutlich mehr Frauen gegenüber,
die Aufgrund der Pilleneinnahme keinen Herzinfarkt bekommen.
Der
Statistikexperte Kenneth
MacRae erinnerte ebenfalls im British
Medical Journal daran, daß in Großbritannien
beispielsweise im Jahr 1989 nur 18 Frauen im Alter zwischen 15 und
44 Jahren an den Folgen einer Venenthrombose starben, aber
immerhin 260 an einem Herzinfarkt. Dr.
Hershol Jick, Mitarbeiter des
Boston Collaborative Drug Surveillance Programm, und Autor
einer der Studien, äußerte sich ähnlich. Auch er erinnerte
daran, daß es sich bei dem Grund der
Panikmache „nur“ um eine mögliche Zunahme der meist
nichttödlich verlaufenden Beinvenenthrombosen handelt.
Paradoxerweise - so der Wissenschaftler - wurde der gleichzeitig
zu beobachtende Rückgang der Zahl der häufig zum Tode führenden
Herzinfarkte und Schlaganfälle von den Gesundheitsbehörden kaum
beachtet, bzw. den Venenthrombosen „gegengerechnet“.
Dr.
Bitzer
wies in seiner Erklärung noch auf eine weitere, ebenso
naheliegende Erklärung für die besorgniserregenden
Studienergebnisse hin: Da Thrombosen bei den genetisch prädisponierten
Frauen erfahrungsgemäß meist in den ersten Monaten der Anwendung
einer Antibabypille auftreten, werden in der Gruppe der an einer
Thrombose erkrankten Frauen zwangsläufig neue und als
„modern“ geltende Präparate überrepräsentiert sein.
Medikamente , die schon länger zugelassen sind, müssen dagegen
in den Thrombosestatistiken seltener auftauchen.
Andere Experten verweisen bei erblich vorbelasteten Frauen
auf einen „Wettlauf zwischen Pille und Schwangerschaft“:
werden die jungen Frauen schwanger bevor sie die Pille einnehmen,
so bekommen sie ihre Thrombose aufgrund der Schwangerschaft.
Nehmen sie zuerst die Antibabypille ein, so wird das Medikament
zum akuten Auslöser der Venenthrombose.
Für
viele Epidemiologen ist die ganze von den Behörden geschürte
Aufregung ohnehin völlig unverständlich. Erst kürzlich hatte
das renommierte Wissenschaftsjournal Science in einem Artikel
die Weltelite der Epidemiologen zu Wort kommen lassen. Diese
Experten gehen in ihrer Mehrzahl davon aus, daß die bei Studien
gefundene Erhöhungen des relativen Krankheitsrisikos aufgrund
zahlloser Fehlermöglichkeiten erst dann ernstgenommen werden
sollte, wenn Unterschiede von 300 bis 400% gefunden werden. Die
angebliche Verdoppelung des Thromboserisikos durch die Einnahme
von Mikropillen erfüllt dieses Kriterium also keineswegs.
Professor
Johannes Huber,
von der Universitätsfrauenklinik Wien,
bemängelte an den Studien außerdem, daß in einer der
drei Studien von 772 beobachteten Patientinnen gerade einmal 10%
eine Antibabypillen der dritten Generation eingenommen haben. Das
Urteil des Experten fiel dementsprechend eindeutig und für die übereifrigen
Behörden vernichtend aus: „Die statistische Ausgewogenheit der
Studien ist nicht gegeben“. Für den Wissenschaftler fehlt nach
Auswertung der ihm zugänglichen Daten somit jeder Beweis für
einen ursächlichen
Zusammenhang zwischen der erhöhten Zahl der beobachteten
Thrombosen und den angeschuldigten gestoden-, bzw.
desogestrelhaltigen Antibabypillen. Ähnlich unsinnig wäre es -
so Professor
Huber pointiert - wenn man für den Rückgang der
Geburtenhäufigkeit den zufälligerweise gleichzeitig zu
beobachtenden Rückgang der Weißstorchpopulation verantwortlich
machen wollte.