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Der
„Pillenskandal“ der keiner war
Als
kürzlich die neuesten statistischen Zahlen für die
in Deutschland im Jahr 1996 durchgeführten
Schwangerschaftsunterbrechungen bekannt wurden, sahen sich
Kritiker des Berliner Bundesinstituts
für Arzneimittel und Medizinprodukte in ihren
pessimistischsten Befürchtungen bestätigt.
In nur einem Jahr waren die registrierten
Schwangerschaftsabbrüche um 34% auf 130 900 angestiegen.
Natürlich
wird sich nie zuverlässig klären lassen, worauf diese
explosionsartig Zunahme letzten Endes zurückgeführt werden muß
– sicher ist lediglich, daß die Pillenpanik vom Spätherbst
1995 dabei eine Rolle gespielt haben dürfte. Damals warnten die Weltgesundheitsbehörde (WHO), das Arzneimittelkomitee der britischen Ärzte sowie das deutsche Bundesinstitut
für Arzneimittel und Medizinprodukte in nahezu
gleichlautenden Erklärungen vor der Einnahme jener
Antibabypillen, die die Wirkstoffe Gestoden
, bzw. Desogestrel
enthalten. Angeblich sollten drei zu diesem Zeitpunkt noch nicht
veröffentlichte wissenschaftliche Studien Beweise dafür erbracht
haben, daß diese Medikamente das Thromboserisiko im Vergleich zu
anderen Pillen für die Frauen verdoppeln. Doch sachverständige
Kritiker - darunter
selbst einige Autoren der Studien - melden schon 1995 erhebliche
Zweifel an den Schlußfolgerungen an, die die WHO sowie die
britischen und deutschen Behörden aus den zu diesem Zeitpunkt
noch nicht einmal endgültig ausgewerteten wissenschaftlichen
Daten gezogen hatten. Und
die europäische Arzneimittelkommission CPMP erklärte im Zuge der
Diskussion, daß sie
aufgrund der vorgelegten Daten keinerlei Handlungsbedarf erkennen
kann. Dies ist bis heute so geblieben.
Daß
diese Skepsis keineswegs -
wie mancherorts vermutet - das
Resultat einer zu industriefreundlichen, unkritischen Einstellung
war, bestätigte jetzt eine gründlich recherchierte
Fernsehdokumentation, die kürzlich vom renommierten Sender BBC
London ausgestrahlt
wurde. Die Fernsehreporter sprachen mit nahezu allen Beteiligten
– lediglich der leitende Vertreter der britischen Gesundheitsbehörde
verweigerte ein Interview -
und deckten auf, daß es für die Pillenpanik keinerlei rationalen
Grund gab und gibt.
Professor
John Guillebaud , vom Margaret Pyke Family Planning Centre,
London, brachte es
vor laufenden TV-Kameras schonungslos auf den Punkt:
Psychologischer Hintergrund für die voreiligen Warnungen war
seiner Meinung nach die in der britischen Gesellschaft noch immer
weit verbreitete Sexualfeindlichkeit und der unbewußte Wunsch,
den Jugendlichen ihre sorglose Einstellung zur Sexualität zu
verleiden. Im British Medical Journal hatte Professor Guillebaud seinen
Lesern bereits zu einem früheren Zeitpunkt verkündet, daß er
- wenn er eine Frau wäre - die Pillen der dritten
Generation unbedingt weiternehmen würde. Der simple Grund: den zwei
bis drei denkbaren zusätzlichen Thrombosetodesfällen pro 1
Million Pillenkonsumentinnen stehen deutlich mehr Frauen gegenüber,
denen aufgrund der Pilleneinnahme ein Herzinfarkt erspart bleibt.
Doch
nicht nur die überwiegende Mehrzahl der Frauenärzte und
sachverständigen Wissenschaftler hielt die Pillen der dritten
Generation für sicher. Professor Jean-Michelle Alexandre , der 1995 als Leiter der französischen
Arzneimittelzulassungsbehörde auch der europäischen
Arzneimittelkommission CPMP
(Committee for Proprietary Medical Products)
vorstand bekannte öffentlich: „Ich werde meiner Tochter
empfehlen, ihre Antibabypille der dritten Generation
weiterzunehmen“.
Der
Koordinator der europäischen Transnational
Studie, Professor
Walter O. Spitzer von der renommierten McGill Universität
Montreal räumte in dem BBC- Interview ein, daß er sehr verärgert
darüber war, wie die britischen Aufsichtsbehörden mit den
wissenschaftlichen Daten der Studie umgegangen sind. Er hatte die
noch vorläufigen Ergebnisse der Analyse aufgrund einer privat
vorgebrachten Bitte Susan
Wood vorgelegt, die sich bei der britischen Gesundheitsbehörde
mit dem Pillenproblem beschäftigte. „Die Unterschiede in der
Thrombosehäufigkeit waren so gering, daß ich keinen Grund für
eine Panik erkennen konnte“, meinte Professor
Spitzer heute und bestätigte, daß er von den Behörden nicht
um seinen Rat gebeten wurde und diesen daher auch zu keinerlei Maßnahmen
geraten habe. Dr. Neil
Poulter , vom St. Marys Hospital Paddington, gab Professor
Spitzer recht: „Es war für mich als einem der leitenden Autoren
der WHO-Studie sehr
enttäuschend, daß wir von der Gesundheitsbehörde nicht über
deren Pläne informiert wurden.“
Die
BBC-Reporter fanden jetzt heraus, daß es offenbar nicht in erster
Linie die Ergebnisse der drei wissenschaftlichen Studien waren,
die die englischen Behörden zu ihrem übereilten Vorgehen
anregten. Professor
Guillebaud wies in der BBC Sendung darauf hin, daß die
Gesundheitsbehörde offenbar von einigen prominenten Feministinnen
stark unter Druck gesetzt worden war. Ihr wurde von den
Aktivistinnen vorgeworfen, daß sie die Öffentlichkeit angeblich
nicht vor dem Gefahrenpotential den Pillen der dritten Generation
gewarnt habe. Es hat nun den Anschein, als hätte die
Gesundheitsbehörde diese medienwirksamen Attacken mehr gefürchtet
als die Auslösung einer unbegründeten Pillenpanik bzw. deren gefährliche
Folgen.
Schon
Ende 1995 vertraten Epidemiologen die Meinung, daß Unterschiede
in der Häufigkeit von Thrombosen von weniger als 300 bis 400%
aufgrund der vielschichtigen Einflußfaktoren keinerlei
administrative Maßnahmen rechtfertigen. Diese auf den ersten
Blick erstaunliche Einschätzung beruht auf der in der Öffentlichkeit
völlig verdrängten Tatsache, daß die Antibabypille von so
vielen Frauen eingenommen wird – in Großbritannien sind es 1.5
Millionen – und tödliche Thrombosen gleichzeitig so extrem
selten vorkommen. Dadurch lassen sich nur sehr große statistische Unterschiede
als Beweis gegen eine bestimmten Pillenart verwenden.
Jenseits
des Ärmelkanals hätte die Einnahme von Pillen der dritten
Generation daher – wenn sich die angeblich gefundenen
Unterschiede in der Thrombosehäufigkeit von rund 100% als
zutreffend erwiesen hätten – lediglich zu zwei zusätzlichen
Todesfällen pro Jahr geführt. Außerdem steht fest, daß die
Pillen der dritten Generation über eine Beeinflussung des
Blutgerinnungssystems vor Herzinfarkten schützen.
Der Statistikexperte Dr.
Kenneth MacRae erinnerte daher daran, daß in Großbritannien
beispielsweise im Jahr 1989 nur 18 Frauen im Alter zwischen 15 und
44 Jahren an den Folgen einer Venenthrombose starben, aber
immerhin 260 an einem Herzinfarkt
Professor
Poulter erinnerte in der BBC-Sendung: „das absolute
Thromboserisiko bei Einnahme der Pillen der dritten Generation ist
sehr viel geringer als das Risiko während einer
Schwangerschaft“. Bei Einnahme von gestoden-, bzw.
desogestrelhaltigen Präparaten kommt es pro 100.000 „Frauenjahre“
nur zu etwa 30 Venenthrombosen
- davon maximal 1-2% mit tödlichem Verlauf. Während einer
Schwangerschaft werden dagegen 60 Venenthrombosen registriert. Bei
Beachtung dieser schon lange bekannten wissenschaftlichen Fakten müssen
die „Schutzmaßnahmen“ der englischen und deutschen Behörden
als unverständlich und kontraproduktiv bewertet werden.
Möglicherweise
- so räumte der Mitautor der
Transnational-Studie , Professor Lothar Heinemann, Berlin, bereits 1995 ein - wurden die
ins Zwielicht geratenen gestoden-
bzw. desogestrelhaltigen Antibabypillen wegen ihres günstigen
Risikoprofils vermehrt jenen Frauen verordnet, die aufgrund
vorhandener Thrombose-Risikofaktoren (Rauchen, Übergewicht, frühere
Thrombosen oder familiäre Häufung derartiger Erkrankungen) Präparate
mit ungünstigerem Risikoprofil vermeiden wollten. Diese These
wurde in der BBC- Sendung von Professor
Richard Lilford, von der staatlichen Gesundheitsbehörde West
Midlands, aufgegriffen. Der Experte bezeichnete diese nicht
belegbare These als eine wahrscheinliche Erklärung der gefundenen
Unterschiede in der Thrombosehäufigkeit.
Professor
Spitzer stimmte dieser Sicht der Dinge zu: „Ich glaube
nicht, daß statistische Unterschiede um die 100% einen realen
Effekt wiedergeben. Ich bin vielmehr davon überzeugt, daß es Störfaktoren
(Bias) sind, die unsere Studien beeinflußt haben.“
Daß diese Vermutung wahrscheinlich zutreffend ist,
machte eine Studie deutlich, die
vor einigen Monaten im Fachblatt Lancet
veröffentlicht wurde. Der leitende Autor dieser Untersuchung , Professor Richard Farmer, Charing Cross and Westminster Medical
School, London, setzte
im BBC quasi einen Endpunkt unter die ganze Diskussion: „Wir
haben drei Jahre lang die Daten von etwa 540.000 Frauen
ausgewertet. Dabei zeigte sich nicht der geringste Unterschied
zwischen den Pillen der zweiten und dritten Generation.“
Aus
dieser Großstudie ergibt sich auch der wahrscheinliche Grund für
anfängliche Aufregung im Zusammenhang mit den drei 1995 beendeten
Studien sowie den Ausbruch der Pillenpanik.
Damals waren in den drei Studien für die statistischen
Vergleiche lediglich Gruppen gebildet worden, die jeweils Frauen
aus fünf unterschiedlichen Geburtsjahrgängen umfaßten. Dabei
wurden beispielsweise im Extremfall 30jährige Frauen mit 35jährigen
verglichen. Da aber das Thromboserisiko mit dem Lebensalter
deutlich zunimmt, hatten die älteren Frauen
- unabhängig von der eingenommenen Pillenart - schon
aufgrund ihres Alters ein deutlich höheres Thromboserisiko. In
der Farmer-Studie wurde
dieser die Ergebnisse verfälschende Fehler vermieten. Diesmal
wurden Frauen, die eine Pille der dritten Generation einnahmen,
mit Frauen des exakt gleichen Geburtsjahrganges verglichen, die
ihrerseits eine Pille der zweiten Generation eingenommen hatten.
Und kaum waren die Ärzte so vorgegangen, wie es eigentlich der
Logik entsprach, lösten
sich die angeblich so überzeugenden Beweise für die Gefährlichkeit
der Pillen der dritten Generation in das auf, was sie offenbar von
Anfang an waren: heiße Luft.
Lindsey
Leonard, der die BBC-Sendung moderierte, faßte die
Erkenntnisse des TV-Reports so zusammen: „Für die
Wissenschaftler war die Pillenpanik von 1995 eine echte
Katastrophe. Sie sind davon überzeugt, daß das Image der Pille
ohne Grund beschädigt wurde.
Diese Medikamente wurden als gefährlich hingestellt,
obgleich ihre Vorteile für die Gesundheit der einzelnen Frauen
bzw. für das
Gesundheitswesen überwältigend groß sind.“
Professor
Spitzer erinnerte abschließend daran, daß die Pille eine große
Errungenschaft darstellt. Sie befreite weltweit Millionen Frauen
von der Bürde ungewollt großer Familien und gleichzeitig viele
Kinder von jenen Krankheiten, die auf eine
Unterernährung zurückzuführen sind.